Geschichte

Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts war Frankfurt eines der Zentren der Reformpädagogik. Gemeinsames Leben in der Gruppe und in der Natur war eine der Hauptforderungen dieser Bewegung.

1920 fand der Rektor der Frankfurter Kaufungerschule, August Jaspert, das verlassene Militärlager auf dem Wegscheideküppel bei Bad Orb als geeigneten Ort um seine reformpädagogischen Gedanken umzusetzen. August Jaspert und seine Mitstreiter gründeten das Kinderdorf Wegscheide, welches aus einfachen Baracken und einer wunderschönen Umgebung bestand.

Im August 1920 verbrachten erstmals 500 Frankfurter Schulkinder einige Wochen auf der Wegscheide. Jungen und Mädchen lebten in einer Gemeinschaft zusammen und lernten in der freien Natur. Die pädagogische Arbeit war ausgerichtet auf ein einfaches Leben mit gleichen Lebensbedingungen, unabhängig von der sozialen Schichtzugehörigkeit der einzelnen Kinder. Die Schüler und Schülerinnen wurden an Arbeiten für die Gemeinschaft herangeführt.

Helfer und eifriger Mitstreiter für die Naturschule im Spessart war Wilhelm Polligkeit, Mitbegründer der Frankfurter Kinderhilfe. Frankfurter Bürger und Bürgerinnen unterstützten den Aufbau des Kinderdorfes Wegscheide von Beginn an. Eine der großen Gönnerinnen der Wegscheide war Willemine von Weinberg. Sie spendete der Wegscheide das Willeminehaus, welches 1929 eingeweiht wurde.

Ursprünglich als Militärlager geplant, verwandelte sich das Kinderdorf während des Zweiten Weltkriegs in ein Kriegsgefangenen- und später in ein Heimatvertriebenenlager. Zwar konnte sich die Wegscheide dem Zugriff der NSDAP durch die Umwandlung von einer GmbH in eine Stiftung entziehen. Es konnte aber nicht verhindert werden, dass im Jahre 1939 auf der Wegscheide ein Kriegsgefangenenlager errichtet wurde. Allein 1.430 russische Kriegsgefangene fanden hier den Tod. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Wegscheide in ein Flüchtlingslager für aus den Ostgebieten geflohene Deutsche (Heimatvertriebene) umgewandelt.

1952 gelang es dem Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb, das gesamte Gelände am Wegscheideküppel wieder für Frankfurter Schulen zurück zu gewinnen. Mit der Stadt Bad Orb wurde ein Erbbauvertrag (Erbpachtvertrag) geschlossen, der noch heute die Existenz des Schullandheims sichert. Zum Neubeginn des Schullandheims verbrachten Schüler ihre Klassenfahrten in der oberen Dorfhälfte, während in den Steinhäusern im Eingangsbereich noch die Heimatvertriebenen wohnten. Heute leben viele dieser ehemaligen Flüchtlinge in den umliegenden Ortschaften wie z.B. Lettgenbrunn.

Nach der Neubegründung der Wegscheide konnte sie zeitweise über 1.400 Kinder und Jugendliche zur gleichen Zeit aufnehmen. Später wurde das Schullandheim auch für Gruppen zugänglich gemacht, die nicht aus Frankfurt stammen. Die Wegscheide wurde internationaler. Zu Besuch kamen Gruppen aus England, Frankreich, Spanien oder aus dem vor der Wende noch isolierten Berlin. Eine besondere Beziehung ergab sich mit dem holländischen Pfarrer, Jacques Lubbers, der viele niederländische Gruppen auf die Wegscheide brachte und sich sehr für das Schullandheim engagierte.

In den neunziger Jahren stand der Fortbestand der Wegscheide auf der Kippe, da zu lange von der Substanz gelebt wurde. Zahlreiche notwendige Sanierungen standen an für die nicht durch Rücklagen vorgesorgt worden war. Gleichzeitig gingen die Übernachtungszahlen zurück, da man sich nicht auf die veränderten Bedürfnisse von Schulklassen eingestellt hatte.

Durch die Aufnahme von Krediten, einer Bürgschaft der Stadt Frankfurt am Main und einem engagierten Entwicklungskonzept gelang es der Wegscheide wieder zu einer wirtschaftlichen Haushaltsführung zurückzukommen. Inzwischen hat die Wegscheide ein neues Profil mit einem eigenen Umweltbildungskonzept. Die Anstrengungen haben sich gelohnt, denn die Belegungszahlen haben wieder zugenommen.

Damit die Wegscheide auch für kommende Generationen ein erlebnisreicher Ort bleibt freuen wir uns über jegliche Form von Spenden.